Kurze Gedanken

In Chengdu regnet es. Es hat schnell aufgehört, und jetzt höre ich nur noch das Summen der Klimaanlage und das Tropfen der Regentropfen auf die Markise draußen – das macht die Nacht besonders still. Ich erlebe die Nacht selten so. Nächte sollten eigentlich so sein, aber die seltene Gelegenheit, bei der es mir wirklich bewusst wird, fühlt sich besonders an. Ich war so beschäftigt, so im Rausch der Eile gefangen, dass ich vergessen habe, das Leben zu genießen. So viele bedeutungsvolle Dinge gleiten an mir vorbei. Egal, wie sehr ich mich an die Vergangenheit zu erinnern versuche – was ich gegessen, was ich getan habe – alles ist leer. Dieses programmierte Dasein hat mich träge im Denken gemacht und süchtig nach Trägheit. Jeder Versuch, mich zu wehren, wirkt blass und kraftlos. Ich versuche, mich zu ändern, aber am Ende stehe ich hilflos wieder am Ausgangspunkt.

Ich versuche, etwas Gedichte zu lesen. Ich habe welche auf eMule heruntergeladen – Shu Ting, Gu Cheng, Bei Dao, Xu Zhimo. Nur Xi Murong spricht mich wirklich an. Bei Dao und Gu Cheng sind auch ganz gut. Vielleicht, weil ich einundzwanzig bin. Vielleicht, weil Xi Murong auch in ihren Zwanzigern war, als sie dieses Gedicht schrieb. Einundzwanzig – das Alter der Liebe.

Ich bin auch so ein bisschen ein literarischer Jugendlicher. Früher war ich es mehr; jetzt nicht mehr ganz. Heutzutage lese ich nur noch gelegentlich, nicht mehr mit derselben Besessenheit wie früher. Aber was ich jetzt lese, hat mehr Tiefe, mehr Einsicht. Während man lebt, versteht man nach und nach einige Wahrheiten, die andere nicht so recht in Worte fassen können. Nur durch Erfahrung begreift man sie wirklich. Deshalb ist das Leben der beste Lehrer, und wir sollten seine fleißigen Schüler sein.