Leben

Wenn ich meinen Lieblingsautor der zeitgenössischen chinesischen Literatur nennen müsste, käme mir außer Yu Hua keine bessere Antwort in den Sinn. Der Grund dafür ist erstens, dass ich nur wenige Romane gelesen habe, und es daher naturgemäß noch weniger Werke gibt, die ich als meine Favoriten bezeichnen kann. Zweitens mag ich Yu Huas Verständnis der menschlichen Natur in seinen Werken. Obwohl Wang Xiaobos Schriften inspirierender sind und voller glänzender Momente stecken, habe ich das Gefühl, dass seine Persönlichkeit sich zu sehr von meiner unterscheidet. Ich weiß nicht, ob er ein oberflächlicher Mensch ist – sein Sprachstil hat stets etwas Zynisches, witzig, aber mir nicht unbedingt sympathisch, dennoch lesenswert. Bücher sind Brücken zur geistigen Verständigung zwischen Autor und Leser. Ich mag Werke, die mit meinem eigenen Geist mitschwingen. Sie bestärken mich in meinen halb überzeugten Haltungen und korrigieren falsche Ansichten. Es gibt auch Werke, die zwar nicht jedem zugänglich sind, deren Ideen aber vielleicht schon über unser aktuelles Niveau hinausgehen und sorgfältig gelesen werden müssen – wie eine Art kriechende, lange Pilgerreise der Verehrung und Kultivierung. Erst nach vielen Jahren erreicht man den heiligen und erhabenen Palast.

Die menschliche Natur in Yu Huas Werken ist die authentischste, die der Realität gegenübertritt, die gewöhnlichste und schlichteste. Er verheimlicht keine Geschichte, noch kritisiert er sie. Er setzt die Figuren einfach in ein großes Umfeld und lässt sie wachsen. Die meisten Menschen haben angesichts von Druck eine Haltung der resignierten Akzeptanz, aber sie wollen nicht einsam sein. Am Ende erreichen sie doch immer wieder nichts. Ihr eigener Charakter und ihre Einstellung werden von der Zeit glattgeschliffen und offenbaren eine Art inklusive Wärme – ohne Verzweiflung, ohne Klage, als hätten sie alles im Leben durchschaut. Das ist die menschliche Natur in Yu Huas Werken, und das ist das Kostbarste. Dabei fällt mir ein weiterer Roman ein, Lu Yaos Die gewöhnliche Welt, den ich auch sehr mag. Leider habe ich nur dieses eine Werk von Lu Yao gelesen, und das in der Oberstufe, daher wage ich kein vorschnelles Urteil.

Der Grund, warum ich darüber schreiben möchte, ist, dass ich Monate nach der Lektüre von Yu Huas Roman Leben heute Zhang Yimous gleichnamigen Film gesehen habe, der auf dem Buch basiert, und er hat mir ein nicht geringeres Gefühl der Trostlosigkeit beschert. Es zeigt sich, dass Zhang Yimou einst so talentiert war. Schade, dass er auf sein jetziges Niveau gefallen ist. Seit Hero wurde ein Film nach dem anderen mit Flüchen bedacht. Hat er wirklich sein Talent erschöpft? Das glaube ich nicht. Ein so großes Land sollte doch in der Lage sein, einen Meister hervorzubringen, der Filme machen kann. Der Iran, mit einer kleineren Bevölkerung als wir, hat Children of Heaven. Indien, wirtschaftlich rückständiger als wir, kann 3 Idiots drehen. Es gibt viele Gründe für diese Situation. Erstens das verachtenswerte und schamlose inländische Kulturzensursystem. Filme, Fernsehen und Bücher werden alle niedergetrampelt, bevor sie der Öffentlichkeit präsentiert werden. Daher kastrieren sich Autoren und Regisseure einmal selbst, bevor sie zur Prüfung einreichen. Zweitens die Verbreitung des Utilitarismus. Um mehr Geld zu verdienen, machen sie unverständliche Blockbuster. Und der zweite Grund könnte die böse Folge des ersten sein. Ein Land hat nicht nur Hauptmelodien und bunte Geschichte – es kann auch Realität und Zukunft haben. Aber Realität und Zukunft sind genau zu sensibel. Diese Regisseure wissen nicht, was sie sonst noch drehen können, also müssen sie mit niveaulosen Parodien, Zeitreisen und anderen Historiendramen die Öffentlichkeit täuschen. Es gibt eine noch tragischere Tatsache. Die staatliche Verwaltung für Rundfunk, Film und Fernsehen sagt, man solle auch nicht zu viele antike Themen machen. Da der Anti-Japanische Krieg in der Ming-Dynastie als Chinas Hauptmelodie begann, werden wohl in Zukunft alle nur noch einen Sci-Fi-Blockbuster sehen können, in dem ein Chinese hundert Japaner erschießt.